Es ist dieses befreiende Gefühl des Aussortierens, des Sich-Entledigens von Erledigtem, diese Schwerelosigkeit nach vollendeten Taten, wenn ich es schaffe, Zeitungen wegzuwerfen. In den Müll mit irgendwann ganz analogem Rechtsklick und auf "Endgültig leeren". Durchatmen. Leer sein. Neues aufnehmen können, aber erst bald, nicht jetzt, nicht sofort.
Der Kairos der Nachrichten im Verhältnis dazu, wann ich bereit bin, sie zu empfangen und, später, mich ihnen zu entledigen, steht ja nicht immer im guten Verhältnis zur Realität. Die Zeitung kommt ja aus einer, wie Nietzsche sagen würde, "Nothwendigkeit", aber tempus fugit, die ungelesenen Papiere aber nicht.
Gerade zum Beispiel warf ich schon meinen zweiten Politikteil am Tag weg. Ich war also ungemeim müllproduktiv, wenn man so will. Das fiel mir leicht, denn ich habe diszipliniert sortiert, was mich da an Artikeln interessiert oder auch, so ist das eben, was ich doch mal wissen müsste, wo ich etwas in Artikeln neu erschlossen bekomme, was in Moçambique zum Beispiel grade los ist oder die Rechtslage zur Prostitution, vor der man gerade kaum entkommen kann (der Meyer/Schwarzer-Komplex), und jedenfalls habe ich sortiert, selektiert, mich informiert, lektoriert und dann abserviert, und es war toll!
Ich kann es nur jedem empfehlen, eine Zeitung wegzuschmeißen. Durchblättern mit Bestimmtheit, genau scannen, wie so ein Algorithmus, sortierensortierensortieten, ein wenig lesen (nicht zu viel!) und dann weg damit!
Man erkennt sich und seine Neigungen dann auch sehr schnell, diese Gnosis te auton sollte man sich von Herzen gönnen, dieses absolut subjektive Weltverhältnis, das einem oft als so egoman oder autistisch gespiegelt wird, einfach machen und genießen! Ich werde gleich noch mehr Rubriken entsorgen, die ich nicht brauche: Finanzen, Reisen, Stellen, Essen und so ein Zeug, tschüß! Und schlecht muss man sich ja auch nicht fühlen, denn wenn eines gewiss ist in dieser Weltrisikogesellschaft, dann doch wohl dies: Die nächste Zeitung kommt bestimmt. Panta rhei.
Donnerstag, 5. Dezember 2013
Zeitungsfriedhof Folge 2: Abfall
Ansage #3: In Serie
Und da wünscht man sich doch, dass ab jetzt nur noch über Dinge als Serie, diesem mächtigsten aller Paradigmen im neuen Jahrtausend, berichtet wird, damit diese nölige Autoritätsfixierung personalisierter Portraits irgendwann mal aufhört, damit man endlich auch wieder etwas mehr zu sagen hat als "Macht, Macht, Macht" und so, denn davon handelt die Serie "Alexander Dobrindt" doch, dass Macht nichts ist, was man hat, sondern was man macht - bis zu dem Punkt, dass man glaubt, Macht und Machen seien etymologisch enger verbunden als bisher geahnt. Und wer möchte nicht "Peer Steinbrück", "Volker Bouffier", "Cem Özdemir" oder "Petra Pau" oder die "Mad Men"-Varianten wie "Willy Brandt", "Walter Scheel" oder, natürlich, "Franz-Josef Strauß" gucken, diese Genresprengenden Retter nicht nur der TV-Ideenwelt, sondern auch des Politjournalismus? Und das jetzt, wo das goldene Zeitalter der US-Serien langsam versiegt braucht es doch neuen Stoff zum Bingevieweing - oder auch mal des Bingereading.
Die wichtigsten Alben 2013 # 41: Thundercat - Apocalypse
Na jedenfalls ist aber auch alles im Subgenre und für das Auskennerprogramm schon so weit, mit ständigen R&B-Referenzen beschmissen zu werden. Und "Apocalypse" von Thundercat, den man vorher eher als Flying Lotus Spezi kannte, ist da keine Ausnahme. Wenngleich Thundercat hier eher die Klassiker zitiert (auf dem Cover sieht der gute Mann aus wie eine Greaser-Version von Isaac Hayes) und in ein arty produziertes Elektroalbum reinpresst. Nichts also, was Daft Punk nicht auch irgendwie machen können, nur halt so ganz anders (und sicherlich auch nicht mit dem Glamour von Blood Orange). Und auch die Kooperationen mit Flying Lotus und seiner Idee von Sci-Fi-Jazzfunk merkt man dem Songwriting und dem Sound auf "Apocalypse" mehr als an (besagter FlyLo hat natürlich auch seine Finger an den Reglern" gehabt, wie man so gerne daherphrasiert). Und allein deshalb kann man "Apocalypse" überhaupt nicht böse sein, mit seinen Synthiebässen, Prince-Keyboards und dem geschmeidig verhallten Gesang über, klar, love und Konsorten. Das ist alles Reich an Ideen, an Varianten und Spielarten moderner Ideen der Rhytmusbluesjazzfunksoulpop-Geschichte mit Retrotouch und Futuresounds und allem drum und dran. Nich umsonst werden viele Psychedelic-Sci-Fi-Filme zitiert wie "Tron", "The Life Acquatic" (jaja, das ist Sci-Fi imho), "Enter the Void" oder "Evangelion" - ganz zu schweigen vom Weltuntergang im Titel. Der Sound löst ein, was das Programm verspricht, und so wirkt "Apocalypse" wie gutes Brainfood und gleichzeitig esoterisch wie der Mondkalender im Schrank meiner Mutter, lässig und verkopft zugleich, organisch, technisch, intelligent und ein bisschen dirty wenn es sein muss. Das macht es zwar langweilig, darüber zu schreiben, aber auf gar keinen Fall langweilig zu hören. Besonders dann, wenn mit "Heartbreaks+Setbacks" eigentlich einer der größten Hits des Jahres wie aus dem Nichts herausgeschossen kommt um wie ein guter Traum dann zu verschwinden. Hat keiner gemerkt, war aber fantastisch.
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Die wichtigsten Alben 2013 #42: Kollegah & Farid Bang - Jung, brutal, gutaussehend 2
Später eine Szene auf dem Schulweg und die Ansage an die kleinen Jungs mit Tornister und dem Traum vom Fame im Game: "Zieh deinen Ranzen aus, wenn ich mit dir Rede."
Das ist "Doitschrap" in der Gangstervariante 2013, und wer sollte den besser verteidigen als Hessen und NRW, jetzt, wo Berlin nur noch ein Zitat, ein Klischee, ja ein Witz geworden ist, von Bambi bis TV Total, von Buddy Ogün bis Carolin Kebekus. Und Witze, die kann und soll man jawohl nicht ernst nehmen.
Das wissen auch Kollegah und Farid Bang und reißen auf "JBG 2" eine Provinzposse aus der Hölle, zwischen Schulhofprank und Gangsterdrama, Fitnesstudio und U-Haft für den Lebenslauf. Und das alles als echte Gags zu bringen, ohne mit der Wimper zu zucken, die Ironie so fein zu verstecken und nicht im Zynikerwald dir den Baumstamm auf den Kopf zu knallen (wie z. B. KIZ es trademarkmäßig machen), das muss man erstmal mit Arsch in der Hose machen. Sonst verkommen Lines wie "Wir kommen aus Nordrhein-Westfalen in dein' Ort reingefahren" nur zur Blamage und zur holprigsten Raplyrik seit der Erfindung des JuZe-Rap. Aber auf "JBG 2" wird es eben nicht lächerlich, sondern ein Punch folgt dem anderen, eine Line nach der nächsten. Koks war gestern, heute wird sich auf "Steroidrap" aufgepumpt.
Die Themen, klar, sind auch hier der reinste Hohn. Auf alle, vor allem auf die anderen. Die Beats sind natürlich wieder wie durch den Kompressor und Hexler gedrehte Actionfilme, sicher. Und der Humor ist wie Nieveau am Bungee-Seil. Und gerade deshalb, und weil sie alles so perfekt bis ins Detail handlen, haben Kollegah, Farid Bang und "JBG 2" in 2013 das letzte Wort in Sachen Gangster Rap aus "Doitschländ". Faust drauf.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Die wichtigsten Alben 2013 #43: Cut Copy - Free Your Mind
Die Dauerwelle, ALF und E.T., die Clap statt Snares, der Zauberwürfel: Die Achtziger, ey. Genau das fällt mir so spontan und unoriginell zur neuen Cut Copy Platte "Free Your Mind" ein, die auch irgendwie den Neo-Hippie-Kram der späten Achtziger und frühen Neunziger aufgreift und alles in regenbogenfarben und Batik eintaucht, denn die Achtziger waren schon sehr retrofixiert, und Cut Copy sind eine retrofixiert retrofixierte Band, und das ist ja nun mal wirklich nichts Neues und auch nun mal wirklich nichts Schlimmes, wie uns die Fortschrittsdiktatoren um Simon Reynolds immer einreden wollen.
Und Cut Copy sind eine dieser komischen Fame-Bands, die Down Under voll riesig sind und Stadien füllen, die hier aber eher was für "Intro"-Leser sind, also Auskenner zum Nulltarif. Macht nichts, denn Cut Copy nehmen ja viele Fäden wieder auf, die von Bands wie New Order liegen gelassen wurden, und mixen da ihre eigene Version von LSD-House mit rein, und das ist immer und immer wieder sympathisch, catchy, witzig, fancy dancy und auch ein bisschen arty farty, aber nur auf diese ironische Art, wo das ja nochmal gut geht. Und irgendwie denke ich immer, alle kennen Cut Copy wegen irgendeines Werbespots, was ich jetzt einfach mal so stehen lasse, ohne das nachzugoogeln (wahrscheinlich mit "Take me over").
Bisher haben die Jungs immer schön abgeliefert, was man zum mitklatschen in skinny Jeans auf dem Tanzflur brauchte, besonders "In Ghost Colors" von 2008 ist in meinen Augen ein Meisterwerk des Dance Pop geworden, der Nachfolger "Zonoscope" war auch toll und als Nachfolger auch würdig. "Free Your Mind" ist zwar gerade erst draußen, aber der erste Eindruck ist doch irgendwie ernüchternd gewesen. Klar, da sind sie immer noch, die Hooks, Lines, die Claps und der Witz, dieses unbedingt Popgewollte und Hitgemachte, aber die Produktion, die Instrumentierung und das Songwriting ist dieses mal so dermaßen in your face billig gemacht, das alles riecht nach Plastik, aber nicht verbranntem, sondern ganz frisch und aus der Folie gewickelt, es riecht also nach den Achtzigern, dem Plastikjahrzehnt avant la lettre, und das ist ja auch nicht schlimm, das kennt man schon, und man gewöhnt sich daran, auch an das betont augenkrebsige Artwork, das wieder Hippietum und Geht-Ja-Gar-Nicht-Ästhetik Marke Zauberwürfel zusammenmischt, was ja okay ist, aber es fehlt doch im Gegensatz zu allen Vorgängerplatten das subtile und auch immer wieder, entschuldigung: modern übersetzte im Soundentwurf, im Songwriting, es fehlt der Twist in die Eigenständigkeit, die sich diese Band zuvor so hervorragend erarbeitet hat. Manchmal kommt es noch durch, wie in "We are Explorers", das echt lustige Ideen hat, und "Footsteps" ist ein echter Hit, der die House-Sounds der letzten 35 Jahre ineinander mischt, und so einen Quatsch wie "Mantra" muss man erstmal bringen. Aber insgesamt bleibt doch der Eindruck einer sich wenig freistrampelnden Band zurück, die älter wirkt, als sie muss, und die ihren eigenen Sound auf die uneigentlichen Elemente zu reduzieren beginnt. Dennoch ist "Free Your Mind" auch wieder stringent in allem, was es anfasst und rüberbringt und auch 2013 noch so merkwürdig zeitgemäß unzeitgemäß, dass es in seiner "Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück"-Ideenwelt sich am Ende doch zusammensetzt wie ein, äh, Zauberwürfel. Auch wenn es ein paar Durchgänge braucht.
Samstag, 30. November 2013
Die wichtigsten Alben 2013 #44: Biffy Clyro - Opposites
Und jetzt halt, autsch, ein Doppelalbum namens, originell, "Opposites", und das riecht nach Fehlschlag, riecht nach unnötig aufgeblasenem Zeug und ödem Konzept, das kann ja wirklich nur schiefgehen. Und, ist es schiefgegangen? Jein, muss man da ehrlich sagen. Die erste CD von "Opposites" ist wirklich, wirklich toll, für Fußball- und Kneipenfans ebenso wie Leute, die Kuschelrock echt noch für Rock halten. Und Biffy Clyro schmuggeln eben doch alte Gepflogenheiten wie Gitarrenwände und Doublebass ins sogenannte Formatradio rein, und allein dafür muss man ja schon dankbar sein, wenn es wieder biestig wird inmitten dieser trunkenen Seligkeit, die aus vielen Songs herauspfeift. Aber wenn sie so toll klingt, wie auf "Black Chandelier" oder auf "Different People", "Sounds like Balloons" oder "Modern Magic Formula", dann können wir uns dazu gerne im Pub in den Armen liegen, während Celtic gegen die Rangers spielt, dann können wir das Radio wieder lauter aufdrehen und dieser Band alle Fehler vergeben, zum Beispiel auch den, ein Doppelalbum gemacht zu haben, das nun wirklich keins sein muss, den sie ja mit einer quasi "Best-of Opposites" gegen Jahresende schon ausgeglichen haben. Immer noch fehlt die Stringenz von "Puzzle", weiterhin vermisse ich das Überraschungsmoment und die fast schon mad science mäßigen Einfälle aus dem Rocklabor, aber hey, dafür haben die nun wirklich schon drei Alben abgeliefert, die das in Perfektion ausgelebt haben, warum nicht jetzt also die Poprockformel perfektionieren? "Opposites" hat einiges zu bieten, das dafür spricht, dass dies demnächst passieren wird, aber wer weiß, vielleicht macht die Biffykatze auch mal wieder den Buckel, faucht und kratzt und wir prügeln uns dazu alle durch den Pub, um am Ende wieder zusammen eine Pint zu heben. Auch bei einem faden Unentschieden.
Freitag, 29. November 2013
Die wichtigsten Alben 2013 #45: Julia Holter - Loud City Song
Allerdings war es das dann auch schon an Veränderungen im Holterverse, denn immernoch ergehen sich ihre Songs eher als Kompositionen denn als Knallbonbons, was ja immer erst etwas unterkühlt und prätentiös wirkt, aber doch mehr Groove wagt, als zu erwarten gewesen wäre. Deshalb ist eine Holter-Platte zu besprechen auch musikjournalistisch so langweilig, denn natürlich ist das bis in die letzte Faser tolle Musik und natürlich ist die Holter herzerliebst in allem, was sie da so macht, und niemand kann sagen, das sei nicht ansprechend, es sei denn, man kann mit sowas eh nix anfangen, als Konzept, als Prinzip. "Horns surrounding me" ist beispielsweise so ein Hirnbiest von Song, nicht so fies wie "Marienbad" auf "Ekstasis", aber doch durchdacht und tricky, und wenn der sich zu einem Ohrwurmbastard steigert, wie so vieles auf "Loud City Song", dann weiß man doch, da wurde irgendwas richtig gemacht, und wenn auch gegen meinen Willen.
Ich wünsche mir manchmal halt, dass Holter demnächst was mit Katy Perry oder Pharell Williams oder so machen würde, damit sie nicht in Esoterik versinkt und es eben auch mal knallen lässt. Wie ihr Studiokollege John Maus, der ja auch so sein Ding fährt, der aber Konzerte wie tollwütige Karaokeperformances anstellen kann. Denn so ein ausuferndes, explodierendes Moment fehlt ihren Alben, und ganz besonders diesem hier, in dem es doch so oft anschwelend brodelt, um wirklich richtig zu begeistern. Aber wer weiß, es ist schon komischeres passiert in der Musikwelt...