Haben eigentlich auch alle wieder die absolute Jahresendlistenkrise bekommen, als Burial seine "Rival Dealer EP" im Dezember rausgehauen hat, als gäbe es kein Morgen mehr? Ich dachte ja zuerst, das wäre ein Fake, weil der Sound irgendwie zugänglicher, fast schon cheesy war, aber darunter immer noch Burial hauste mit seinen typischen Field Recordings, Plattenknistereffekten und den toll ausgesuchten Sprach- und Singsamples voller Weltschmerz und einem kleinen bisschen Hoffnung. Und am Ende ist ein Stück wie "Come Down To Us" doch ein Geschenk an die Menschheit, trotz aller Eightieshaftigkeit im Design. Dass Burial mal so offen Herzen ergreifen kann und nicht so leise und verzagt wie sonst, das war die eigentliche Überraschung an "Rival Dealer", dessen Titeltrack doch so grob die Säge auspackt, wie zuvor noch kein Burial-Track.
Und was hat das denn jetzt mit der Jon Hopkins Platte namens "Immunity" zu tun? Fast alles! Und zwar kommt das so: Wer sich 2013 nach Elektro umgesehen hat, der kam an viele verschiedene Soundentwürfe, die aber vor allem Entspannung gesucht haben und ein bisschen schief grinsten. Das gilt selbst für die VÖs von Moderat oder Laurel Halo, Dean Blunt (ist das noch Elektro oder schon Blues) oder Darkstar. Aber kaum jemand hat konsequent so traurige Raves abgeliefert wie Jon Hopkins mit "Immunity". Den Übertrack "Open Eye Signal" hab ich das erste Mal geteilt von Four Tet auf Facebook gehört und war sofort hin und weg. Diese komplexe Soundräume, dieser sägende Bass, dieser pumpende Rhythmus und der fast traditionell ausufernde Rave-Aufbau, bis dass am Ende fast alles in drei Minuten kratzigstem House versenkt wird, das war schon überwätligend. Umso schöner, dass der ganze Breitwandrave auch auf "Immunity" funktionierte, das sicherlich so manchen Sci-Fi-Streifen im Kopf ausmalen kann, aber auch mal die dunklen Seiten des Mondes in Klaviertasten verwandelt, wie zum Beispiel auf "Abandon Window". Four Tet und Burial haben in ihren Kollaborationen ja eine ähnliche Dichte an Emotionen und Sounds gesucht und gefunden. Dass Hopkins unter anderem auch mit Brian Eno an Coldplays Stadionpop mitgefeilt hat, merkt man "Immunity" ebenso an wie die Hinwendung zu Burial/Four Tets bewusstseinserweiternden, einem UNESCO-Weltkulturerbe gleichkommenden Experimenten. "Immunity" schafft es zudem, die Waage zu halten zwischen Eskalation und Depression, funktioniert sowohl vor, im und nach dem Club - und sogar am Katermorgen danach, wenn der Glowstick noch sein letztes Licht ausgibt. "Collider", "Sun Harmonics" oder der Titeltrack geben Formatvorlagen zu allen möglichen Sounddesigns, die man auf der Gefühlsskala bedienen kann, was das Album nicht etwas auseinander reißt, sondern auch als Album funktionieren lässt, was ja nun wirklich nicht jedem Künstler aus dem reinen Elektrobereich gelingt. Glücklicherweise verzichtet Hopkins meist auf Gastsänger oder bettet sie heimlich in seine überbordenden Sound-Kathedralen ein, ohne sie, wie zum Beispiel bei Bonobo, der Farbkombination im Gesamtbild des Albums zu grelle oder ausfallende Flecken zuzufügen. Dabei bedient sich Hopkins nicht nur der gleichen Mittel, wie Burial, Four Tet oder Eno und Coldplay, sondern markiert auch gleich sein eigenes Revier im Raum zwischen all diesen letztlich doch grundverschiedenen Künstlern. Feuerzeug raus im Club, sozusagen: das muss man erst mal schaffen.
Montag, 10. Februar 2014
Die wichtigsten Alben 2013 #14: Lorde - Pure Heroine
"But everybody's like crystal, maybach, diamonds on your timepiece, jet planes, islands, tigers on a gold leash - We don't care": Dieser minimalistische Beat, diese wahnsinns Backgroundchöre, diese Dreitastenmelodie, der Bass ganz unten und ein Abgesang auf das ganze MTV-Programm von dieser Teenagerin mit den krassen Haaren aus NZ. "Royals" hatte wirklich alles, was der Konsenssong 2013 brauchte, auf die sich wirklich die komplette werberelevante Zielgruppe einigen konnte. Dass hier das Zeug aber nicht zum One Hit Wonder, sondern gleich zum Überflieger drin war, das musste "Pure Heroine" eben beweisen, denn, achtung, der Lana Del Rey Vergleich schwebte aus einem mir immer noch nicht ganz klaren Grund durch den Raum (mancher meinte, die Stimme wäre ähnlich). Dabei ist der Soundentwurf von Lorde doch eher eine mehr auf Destinys Child getrimmte Version introvertierten Indierocks frei nach The xx. Der größte Wahnsinn ist ja überhaupt, wie viel Talent Lorde als Songwriterin schon hat, wenngleich ihr Produzent Joel Little den Soundentwurf stark beeinflusst haben wird. Sei es drum, dass eine Teenagerin solche Texte, solche Musik, solche Stimme und solche Präsenz hat, das gab es sicherlich lange nicht mehr. Und mit welcher Souveränität sie die Stimmung ihrer Generation auf den Punkt bringt, wie sehr sie das zur Kunst macht und wie gefällig das alles dann auch noch klingt, sorgt für eines der größten Pop-Alben seit dem Millenium. Und das mit einem so understatenden wie ergreifenden Minimalismus, der aus Zeilen wie "It feels so scary getting old", "We live in ruins you never see on screen", "I know we're not everlasting", "We're never done with killing time, can I kill it with you" sprießt. Das ist so unfassbar gut, on the spot und traurig schön, das traut man diesen Minderjährigen ja gar nicht zu, solche tiefen Gedanken, solche tollen Produktionen, da stimmt doch was nicht, denkt man da, aber es stimmt eben alles auf "Pure Heroine", von ganz gradlinigen Beatpaketen wie "Team" oder "Royals" bis zu den stillen Verunsicherungen in "Ribs", "Tennis Court" oder "A World Alone" und den großen Gesten in "Glory and Gore" oder "400 Lux", vom tollen Artwork, das nun wirklich viel mit The xx gemeinsam hat, mal ganz abgesehen. Lorde eine große Karriere zu prophezeien, wäre nun wirklich das Leichteste überhaupt, denn hier kann jeder Auftritt noch so verunsichert, verhuscht, exaltiert oder wie auch immer aufmerksamkeitsheischend kritikwürdig daher kommen, es wäre immer noch authentisch, so elegant tänzelt "Pure Heroine" zwischen Ironie, Angst und Fame mit, im Gegensatz zum Beispiel zu besagter Lana del Rey, absolut zeitgemäßem, fast aber schwebend zeitlosem Sound. Kaum ein neuer Künstler ist so spannend derzeit wie Lorde, kaum einer verspricht mehr Potential für relevanten Pop in den nächsten 20 Jahren als eine Teenagerin aus Mittelerde - und das sollte eigentlich jeden einzelnen von uns völlig perplex zurücklassen angesichts des hohen Niveaus, das das Debüt schon erreicht hat. Was soll da noch kommen, mag man fragen? Einiges, meine Freunde, einiges!
Samstag, 8. Februar 2014
Die wichtigsten Alben 2013 #15: Veronica Falls - Waiting for Something to Happen
Uns ist ja jetzt mal wirklich alles egal, im Februar noch über das letzte Jahr zu reden, die haben sie doch nicht mehr alle, die da oben vom Ansagenfeuilleton! Aber das mag uns jetzt nun wirklich nicht mehr stören, denn wir müssen noch vieles loswerden, vieles, was vergessen wurde, zum Beispiel die Band Veronica Falls. Über die wurde 2013 absolut nicht genug geredet. 2011 war das kurz der Fall, als das s/t Debüt rauskam und au einmal alle irgendwelche Tape-Labels aus dem UK der Achtziger zu kennen meinte, denn das war die Referenz für den schrammeligen Rock dieser britischen Band, die der musikgewordene Instagramfilter war, als hätten sie "Pretty in Pink" mit dem Chic der Mad Men Nostalgie gekreuzt und einen Pixies-Soundtrack drunter gelegt. "Veronica Falls" hatte zum Beispiel mit "Bad Feeling" so einen richtig toll geschriebenen Überhit, den keiner hören wollte (und was wir jetzt alle mehrmals nachholen müssen. Alle.). Und was das Album auszeichnete, war auch ein morbider Charme an den Themen Liebe und Tod, der einigen auf "Waiting for Something to Happen" doch gefehlt hat.
Daür hat der Nachfolger die exzessive Perfektion einer Formel zu bieten, die man Musik nennn könnte, bei der man wieder mal händchenhaltend über Blumenwiesen hüpfen oder Montagen aus Rom Coms unterlegen kann, wenn sie denn endlich, endlich zusammengekommen sind. Ja, "Waiting for Something to Happen" ist nicht morbide, sondern sonnigsten gemüts (abgesehen von schönen Songs wie "Bury me alive" oder ähnlich). Hier heißen die Songs "Teenage", "Shooting Star" oder "My Heart Beats" und hätte die Frühlingsplatte des Jahres sein müssen, liebe 2013er, aber es kam anders und gar nicht dazu und jeder sollte sich etwas schämen. Wer "Tell Me", besagtes "Teenage", "Falling Out" oder "Last Conversation" gehört hat, der wird jedenfalls nicht unglücklich leben und sterben können, sondern endlich wieder Polkadots oder Lederjacke tragen wollen und zu Mixtapes auf günen Hügeln tanzen. Und klar ist das etwas cheesy, klar ist das sehr, sehr jugendlich, natürlich ist bittersweet der exakteste Ausdruck, der "Waiting for Something to Happen" beschreibt, aber herrgottnochmal, das ist doch kein Problem, das ist, in einem Wort, Pop, alles großbuchstabiert und ausstaffiert, das sind Träume und die Angst vor ihrem Verbrechen, das sind angehaltene Momente un die Trauer darüber, dass sie nicht so ewig sind, wie man dachte, das ist jugendliche Romantik galore und deshalb so wahnsinnig gut, dass es mehr verdient hat, als eine Fußnote zu einem Musikjahr zu sein, in dem vor alem Altherenträume wahr wurden, von Disco bis Bowie bis "Blurred Lines" und, achja, Miley Cyrus. Veronica Falls sind vielleicht zu "nett" für die große Euphorie, aber heimlich, ganz heimlich, düfen wir sie alle ins unser Herz lassen und auch mal wieder ein Gänseblümchen pflücken, just because.
Daür hat der Nachfolger die exzessive Perfektion einer Formel zu bieten, die man Musik nennn könnte, bei der man wieder mal händchenhaltend über Blumenwiesen hüpfen oder Montagen aus Rom Coms unterlegen kann, wenn sie denn endlich, endlich zusammengekommen sind. Ja, "Waiting for Something to Happen" ist nicht morbide, sondern sonnigsten gemüts (abgesehen von schönen Songs wie "Bury me alive" oder ähnlich). Hier heißen die Songs "Teenage", "Shooting Star" oder "My Heart Beats" und hätte die Frühlingsplatte des Jahres sein müssen, liebe 2013er, aber es kam anders und gar nicht dazu und jeder sollte sich etwas schämen. Wer "Tell Me", besagtes "Teenage", "Falling Out" oder "Last Conversation" gehört hat, der wird jedenfalls nicht unglücklich leben und sterben können, sondern endlich wieder Polkadots oder Lederjacke tragen wollen und zu Mixtapes auf günen Hügeln tanzen. Und klar ist das etwas cheesy, klar ist das sehr, sehr jugendlich, natürlich ist bittersweet der exakteste Ausdruck, der "Waiting for Something to Happen" beschreibt, aber herrgottnochmal, das ist doch kein Problem, das ist, in einem Wort, Pop, alles großbuchstabiert und ausstaffiert, das sind Träume und die Angst vor ihrem Verbrechen, das sind angehaltene Momente un die Trauer darüber, dass sie nicht so ewig sind, wie man dachte, das ist jugendliche Romantik galore und deshalb so wahnsinnig gut, dass es mehr verdient hat, als eine Fußnote zu einem Musikjahr zu sein, in dem vor alem Altherenträume wahr wurden, von Disco bis Bowie bis "Blurred Lines" und, achja, Miley Cyrus. Veronica Falls sind vielleicht zu "nett" für die große Euphorie, aber heimlich, ganz heimlich, düfen wir sie alle ins unser Herz lassen und auch mal wieder ein Gänseblümchen pflücken, just because.
Dienstag, 4. Februar 2014
Ansage #4: Continuity
Wir leben in den Zeiten der Serie. Oder haben Sie etwa nicht dieses Gefühl, dass alles immer weiter geht? Vielleicht ist dies ja dieser Kapitalismus, von dem alle reden. Und vielleicht kommt daher ja auch dieses Ding mit dem "Burn Out", wenn jeder Tag an einem vorbeiläuft, als wäre er nach dem Prinzip des Ford T-Modells gezimmert, alles gleich, aber trotzdem in Bewegung. Und natürlich: Adorno und Horkheimer, die Kulturindustrie. Was die nun wohl zum Siegeszug der Serie als Format gesagt hätten? Vielleicht wären sie komplett verzweifelt darüber, wie sehr das Serielle des produzierenden Alltags wieder als produziert Serielles diesen Alltag in seiner Freizeit bestimmt, wenn das ganze Wochenende, die ganzen Nächte dem Binge-Viewing amerikanischer oder anderer TV-Produkte gewidmet werden. Konsum am Fließband am Arbeitsplatz und im Wohnsitz, Produzieren und Reinschaufeln.
Aber man muss kein Kulturpessimist sein, um in der Serie das Lebensparadigma von "uns" schlechthin zu erkennen. Und natürlich betrifft das nicht nur "uns" vor den blauen Bildschirmen, die immer flacher werden, die Figuren durch das Serienformat aber immer (hoffentlich, zumindest) immer tiefer. Es betrifft genauso auch die Figuren selbst, die sich immer wieder durch ihr Leben kämpfen müssen, in das sie jede Folge gezwungen werden. Und so geht es für uns alle, ob fiktiv oder nicht, immer weiter. So sehr, dass die Continuity, das Anknüpfen an frühere Episoden, Leben oder Existenzen, schier unendlich wird.
Das geht mit der Kontinuität sogar so weit, dass sie für Fiktionen selbst fiktionalisiert wird. Sasha Weiss zum Beispiel sieht Claire Danes. Aber sie sieht noch mehr. Sie sieht auch Carrie Mathison aus "Homeland" und Angela Chase aus "My So-Called Life". Beide teilen sich das Gesicht von Danes, aber nicht nur irgendeines: Sie teilen sich ganz besonders das sogenannte "Cryface", das Danes so besonders gut kann. Weiss fängt an zu imaginieren, dass Carrie eine erwachsene Version von Angela ist, dass diese Figuren mit dem gleichen Gesicht nicht nur gleich verkörpert, sondern auch gleich beseelt seien. "Carrie Mathison is Angela Chase all grownup and a little twisted, but the inner material is the same".
Eine ähnliche Kontinuitätsfiktion hat Walter White aus Breaking Bad erlebt, aber umgekehrt. Walter hat das Gesicht von Bryan Cranston - wenngleich hinter Bart, Brille, Glatze und Bad Boy Attitüde versteckt. Genauso hat es Hal aus Malcolm in the Middle. Im Netz kursieren genug Fiktionen, wie "Breaking Bad" soetwas wie eine Vor- oder Parallelgeschichte zu "Malcolm in the Midle" ist, Cranston selbst hat in einem solchen Sketch mitgespielt. Und natürlich gibt es auch dazu ein mittelmäßiges Tumblr namens "Meth in the Middle". Manch ein Spoof war, dass "Malcolm in the Middle" im Grunde Walter White im Zeugenschutzprogramm sei oder ähnliche Kontinuitäten, die sich eben ein Schauspielergesicht zeigen. Nach dem Ende von "Breaking Bad" ist dies zumindest etwas vom Tisch.
Es sind natürlich noch mehr Kontunuitäten denkbar. Ist "Six Feet Under" das Prequel von "Dexter"? Setzt "X-Files" etwas "Californication" fort? Wie viele Leben hat Sean Bean, stirbt er etwas ewig in anderen Settings? Ist Harold Finch aus "Person of Interest" eine geläuterte Version von Benjamin Linus aus "Lost"? Und was machen zum Beispiel die ganze Ex-Tenieseriendarsteller jetzt als Eltern in Serien wie "Gossip Girl" oder "Pretty Little Liars"? Träumen sich die ganzen Whedonverse-Figuren in die Sitcom "How I Met Your Mother"?
Dass fiktive Figuren nicht in frieden sterben können, das wusst bereits die griechische Tragödie des Aischylos, wenn beispielsweise Prometheus oder Sisyphos mit ewigen Wiederholungen bestraft werden, oder auch Sherlock Holmes, der nicht sterben durfte, sondern immer wieder weiterleben musste, bis heute mit den Gesichtern von Benedict Cumberbatch, Robert Downey jr. und Johnny Lee Miller. Ob dies die Rache des Leben an der Fiktion ist oder sich die Fiktion so am Leben rächt, indem es dessen Prinzip aufsaugt und vereinnahmt, lässt sich schwer beantworten gerade in Zeiten, wo Serie und Leben selbst kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. To be continued, also.
Aber man muss kein Kulturpessimist sein, um in der Serie das Lebensparadigma von "uns" schlechthin zu erkennen. Und natürlich betrifft das nicht nur "uns" vor den blauen Bildschirmen, die immer flacher werden, die Figuren durch das Serienformat aber immer (hoffentlich, zumindest) immer tiefer. Es betrifft genauso auch die Figuren selbst, die sich immer wieder durch ihr Leben kämpfen müssen, in das sie jede Folge gezwungen werden. Und so geht es für uns alle, ob fiktiv oder nicht, immer weiter. So sehr, dass die Continuity, das Anknüpfen an frühere Episoden, Leben oder Existenzen, schier unendlich wird.
Das geht mit der Kontinuität sogar so weit, dass sie für Fiktionen selbst fiktionalisiert wird. Sasha Weiss zum Beispiel sieht Claire Danes. Aber sie sieht noch mehr. Sie sieht auch Carrie Mathison aus "Homeland" und Angela Chase aus "My So-Called Life". Beide teilen sich das Gesicht von Danes, aber nicht nur irgendeines: Sie teilen sich ganz besonders das sogenannte "Cryface", das Danes so besonders gut kann. Weiss fängt an zu imaginieren, dass Carrie eine erwachsene Version von Angela ist, dass diese Figuren mit dem gleichen Gesicht nicht nur gleich verkörpert, sondern auch gleich beseelt seien. "Carrie Mathison is Angela Chase all grownup and a little twisted, but the inner material is the same".
Eine ähnliche Kontinuitätsfiktion hat Walter White aus Breaking Bad erlebt, aber umgekehrt. Walter hat das Gesicht von Bryan Cranston - wenngleich hinter Bart, Brille, Glatze und Bad Boy Attitüde versteckt. Genauso hat es Hal aus Malcolm in the Middle. Im Netz kursieren genug Fiktionen, wie "Breaking Bad" soetwas wie eine Vor- oder Parallelgeschichte zu "Malcolm in the Midle" ist, Cranston selbst hat in einem solchen Sketch mitgespielt. Und natürlich gibt es auch dazu ein mittelmäßiges Tumblr namens "Meth in the Middle". Manch ein Spoof war, dass "Malcolm in the Middle" im Grunde Walter White im Zeugenschutzprogramm sei oder ähnliche Kontinuitäten, die sich eben ein Schauspielergesicht zeigen. Nach dem Ende von "Breaking Bad" ist dies zumindest etwas vom Tisch.
Es sind natürlich noch mehr Kontunuitäten denkbar. Ist "Six Feet Under" das Prequel von "Dexter"? Setzt "X-Files" etwas "Californication" fort? Wie viele Leben hat Sean Bean, stirbt er etwas ewig in anderen Settings? Ist Harold Finch aus "Person of Interest" eine geläuterte Version von Benjamin Linus aus "Lost"? Und was machen zum Beispiel die ganze Ex-Tenieseriendarsteller jetzt als Eltern in Serien wie "Gossip Girl" oder "Pretty Little Liars"? Träumen sich die ganzen Whedonverse-Figuren in die Sitcom "How I Met Your Mother"?
Dass fiktive Figuren nicht in frieden sterben können, das wusst bereits die griechische Tragödie des Aischylos, wenn beispielsweise Prometheus oder Sisyphos mit ewigen Wiederholungen bestraft werden, oder auch Sherlock Holmes, der nicht sterben durfte, sondern immer wieder weiterleben musste, bis heute mit den Gesichtern von Benedict Cumberbatch, Robert Downey jr. und Johnny Lee Miller. Ob dies die Rache des Leben an der Fiktion ist oder sich die Fiktion so am Leben rächt, indem es dessen Prinzip aufsaugt und vereinnahmt, lässt sich schwer beantworten gerade in Zeiten, wo Serie und Leben selbst kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. To be continued, also.
Die wichtigsten Alben 2013 #16: Kanye West - Yeezus
Eine meiner liebsten Sketche bei "Saturday Night Live" ist ja "Waking up with Kimye", die Show, in der Kanye West und Kim Kardashian uns einen guten Morgen wünschen. Natürlich ist es leicht, sich über Kim Kardashian lustig zu machen, Nasim Pedrad tut dazu jedenfalls ihr Bestes. Allerdings ist es vor allem die Kanye West Parodie von Jay Pharoah, die das Ganze auf ein anderes Level hebt. Aber eigentlich stimmt auch das nicht so sehr, denn letztlich ist doch Kanye West (der die Sketche standesgemäß "lame" findet), der dieses Level setzt.
Kanye West ist Richard Wagner - auf seine ganz eigene Art und Weise. Er ist ein musikalisches Genie und sagt das jedem. Er suhlt sich in Bombast und merkwürdigen Erlöserphantasien. Und er zückt schnell die politisch unkorrekte Phrase. West ist so streitbar wie unantastbar, und wie bei so vielen Parodien adelt auch Pharoahs Performance das Original als eben Original, das Wiedererkennenswerte und auch manchmal Einzigartige. "Yeezus" jedenfalls hat alles davon. Und wann sich Kanye sein eigenes Wahnfried baut, ist nur noch eine Frage der Zeit.
Bis dahin haben wir subtile Botschaften wie "I Am A God", die uns daran erinnern, was wir von Kanye zu halten haben. Dieser scheiende Wahnsinn in Songs wie diesem ist auch, was "Yeezus" 2013 größer, witziger, besser und wichtiger macht als alles, was zum Beispiel Eminem oder Jay-Z häten machen können. "Yeezus" ist kein Konsensalbum wie "Magna Carta, Holy Grail" (das den Größenwahn leider nur im Titel trägt) oder Anknüpfen an alte Erfolgsmodelle wie "The Marshall Mathers LP 2". "Yeezus" ist ein riesieger und dreckiger Mittelfinger an alles und jeden. Ich fand "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" ja so herausragend und dachte: Das ist der Gipfel, da ist alles drin, was der kann, alles, was der will, was soll da noch kommen? Und dann diese dreckige Daft Punk-Collabo auf "In Sight", hingerotzt wie ein Axt im Computerwald. Diese treibenden Beats in "Black Skinhead" und die ganzen crazy Geräusche, wie Chance the Rapper tatsächlich auf Acid, diese Breackdowns und Ausraster, herrlich. "I Am A God" ist da genauso herausragend wie "New Slaves" wieder die typischen Aggressionen auslebt auf diesem Brett von Synthieverzerrer. Man mag sich gar nicht ausmalen, was in dem Produzentenhirn von Kanye los ist, wie der an ein Album wie "Yeezus" überhaupt herangegangen ist, ob da vielleicht doch mehr Kalkül drin ist, als die ganze Platte erahnen lässt, ober ob das so affektgeladen ist, wie es rüberkommt. Wahrscheinlich beides und mehr. Und selbst halbwegs normale Tracks wie "Bound 2" müssen ein verdammt unnormales Video bekommen, das cheesy und fantastisch zugleich ist. Und sowas kann eben nur einer, und genau das ist es, was "Yeezus" aus jeder Pore schwitzt und dir spuckend ins Gesicht schreit. Und wenn das nicht großartig ist, dann weiß ich es auch nicht. Rap-Album 2013, no doubt.
Kanye West ist Richard Wagner - auf seine ganz eigene Art und Weise. Er ist ein musikalisches Genie und sagt das jedem. Er suhlt sich in Bombast und merkwürdigen Erlöserphantasien. Und er zückt schnell die politisch unkorrekte Phrase. West ist so streitbar wie unantastbar, und wie bei so vielen Parodien adelt auch Pharoahs Performance das Original als eben Original, das Wiedererkennenswerte und auch manchmal Einzigartige. "Yeezus" jedenfalls hat alles davon. Und wann sich Kanye sein eigenes Wahnfried baut, ist nur noch eine Frage der Zeit.
Bis dahin haben wir subtile Botschaften wie "I Am A God", die uns daran erinnern, was wir von Kanye zu halten haben. Dieser scheiende Wahnsinn in Songs wie diesem ist auch, was "Yeezus" 2013 größer, witziger, besser und wichtiger macht als alles, was zum Beispiel Eminem oder Jay-Z häten machen können. "Yeezus" ist kein Konsensalbum wie "Magna Carta, Holy Grail" (das den Größenwahn leider nur im Titel trägt) oder Anknüpfen an alte Erfolgsmodelle wie "The Marshall Mathers LP 2". "Yeezus" ist ein riesieger und dreckiger Mittelfinger an alles und jeden. Ich fand "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" ja so herausragend und dachte: Das ist der Gipfel, da ist alles drin, was der kann, alles, was der will, was soll da noch kommen? Und dann diese dreckige Daft Punk-Collabo auf "In Sight", hingerotzt wie ein Axt im Computerwald. Diese treibenden Beats in "Black Skinhead" und die ganzen crazy Geräusche, wie Chance the Rapper tatsächlich auf Acid, diese Breackdowns und Ausraster, herrlich. "I Am A God" ist da genauso herausragend wie "New Slaves" wieder die typischen Aggressionen auslebt auf diesem Brett von Synthieverzerrer. Man mag sich gar nicht ausmalen, was in dem Produzentenhirn von Kanye los ist, wie der an ein Album wie "Yeezus" überhaupt herangegangen ist, ob da vielleicht doch mehr Kalkül drin ist, als die ganze Platte erahnen lässt, ober ob das so affektgeladen ist, wie es rüberkommt. Wahrscheinlich beides und mehr. Und selbst halbwegs normale Tracks wie "Bound 2" müssen ein verdammt unnormales Video bekommen, das cheesy und fantastisch zugleich ist. Und sowas kann eben nur einer, und genau das ist es, was "Yeezus" aus jeder Pore schwitzt und dir spuckend ins Gesicht schreit. Und wenn das nicht großartig ist, dann weiß ich es auch nicht. Rap-Album 2013, no doubt.
Die wichtigsten Alben 2013 #17: Chvrches - The Bones Of What You Believe
Ich weiß ja nicht, wie es allen anderen geht, aber wir hier beim Ansagenfeuilleton hatten das Gefühl, die Nummer mit dem Synthiepop sei jetzt langsam einmal durch und konzentriert sich eher auf Soundtracks und solche Sachen, wie M83 für das Cruise-Vehikel "Oblivion". Sozusagen das Schicksal, das dem sogenannten Post-Rock widerfuhr, siehe dazu 2013 die Soundtrack-Alben von Explosions in the Sky und Mogwai als herausragende Beispiele (Fußnote). Und dann sind sie plötzlich wieder überallm die Synthesizer, sowohl auf dem neuen Mogwai- als auch dem neuen Maximo Park Album und dann heißt es, die bekommen mehr Raum und definieren den Sound neu und waren bei H&M nicht schon vor 4 Jahren die 80er wiede da? Und dann auch noch Chvrches. Als ich damals "Recover" das erste mal gehört habe, da war ich hin und weg: Diese tolle Produktion, dieser perfekt designte Songaufbau, okay, die Stimme war etwas gewöhnungsbedürftig, aber das hat sich mittlerweile ja auch gelegt, da Lauren Mayberry nun wirklich nicht zu den Menschen gehört, mit denen man sich anlegen sollte, was sowohl aus ihren Songtexten als auch ihren Äußerungen zu Misogynie im Pop-Business herausspringt. Mich fasziniert ja immer dieser Zwiespalt leichter Pop und bittere Texte, und wer zu pluckernden Arpeggios und Schlagerschlagzeug "I will be a gun, and it's you I'll come for" singt, der hat mich sofort am Wickel. Und da sind wir genau an dem Punkt, wo Chvrches unglaublich großartig sind: In ihrem Pop-Verständnis. Klar, die Musik ist jetzt nichts Neues und auch nicht gerade revolutionär, aber wer 2013 perfekten Synthiepop suchte, fand ihn bei Chvrches. Und das definitiv, denn wenn man uns hier fragen würde, ist doch wirklich jede Spielart dieser Pop-Variante auf "The Bones of What You Believe" zu finden, sei es elegische M83-Hymnen, hüpfende Festzeltdisco oder auch einfach nur der Dreiminüter in Digital. Das stellt sowohl die Zuschauer von Uwe Hübner als auch den Indieclubgänger im ersten Semester Lehramt zufrieden, ein Fest für die ganze Familie und jeden für sich.
Insofern ist es schwer, sich überhaupt kritisch zu dieser Band zu äußern, die ihren Teflon-Sound ausspielt und hinter aller Noedlich- und Zugänglichkeit kratzt und beißt. Wie lange sich das hält, wie viel von dieser Band noch zu erwarten ist, ob sie, so meine befürchtung, nicht ihren Sound schon bis zum Exzess ausgereizt hat, das wird sich zeigen, aber für das Jetzt gibt es sicherlich kein definitiveres Werk zeitgemäßen Synthiepops als dieses (na gut, neben M83s "Saturday=Youth" vielleicht).
Insofern ist es schwer, sich überhaupt kritisch zu dieser Band zu äußern, die ihren Teflon-Sound ausspielt und hinter aller Noedlich- und Zugänglichkeit kratzt und beißt. Wie lange sich das hält, wie viel von dieser Band noch zu erwarten ist, ob sie, so meine befürchtung, nicht ihren Sound schon bis zum Exzess ausgereizt hat, das wird sich zeigen, aber für das Jetzt gibt es sicherlich kein definitiveres Werk zeitgemäßen Synthiepops als dieses (na gut, neben M83s "Saturday=Youth" vielleicht).
Montag, 3. Februar 2014
Die wichtigsten Alben 2013 #18 - Daft Punk - Random Access Memories
Hätten wir hier unsere Liste noch rechtzeitig abgeschlossen, das heißt: Würden wir nicht gerade dem zeitgeist hinterheulen, wir würden gar nicht gesehen haben, wie sie da alle standen: Yoko Ono, Beyoncé und wer auch immer, wir häten nichtmal gewusst, wie gerne Claudius Seidl in den Saal gestürmt wäre, als Daft Punk bei den Grammys auftraten und "Get Lucky" spielten. Wir hätten weder gewusst, wie schwer dieses Album dort absahnen wird, noch hätten wir eine Ahnung, wie sehr es die Leser- und Redaktionspolls zum Jahresende dominiert hätte. Wir hätten nur eines gewusst: "Random Access Memories" war einer der größten Hypes 2013. Und demnach hätten wir vielleicht schon etwas geahnt.
Aber wie das so mit Hypes ist, zumindest, wenn sie zurecht so genannt werden: Sie spalten. Die einen fahren riesig darauf ab, wenn der Coachella-Spot durch das Netz flackerte. Sie sauegn jeden Infoschnipsel auf bis hin zur stilbildenden Albumreklame mit dem grandiosen Unboxing-Clip, den sogar Sony für die vierte Playstation kopiert hat. Die anderen waren niedergeschlagen, enttäuscht und sogar stinksauer auf Daft Punk, dass sie ihre Integrität an die Rollschuhdisco abgetreten haben und anscheinend keine Ahnung aufbringen, wie die Musik der Zukunft klingt, die sie uns doch sonst immer so stilsicher präsentiert haben.
Denn man muss im Angesicht des Gesamtwerkes ehrlich sagen: Der ganz große Wurf war "Random Access Memories" nicht. Klar, gerade auf "Homework" und "Discovery" waren die Glam-Referenzen ganz vorne mit dabei, aber halt nur Referenz und nicht Programm. "Indo Silver Club" oder "Digital Love" funktionierten mehr und anders als die Bee Gees oder Chic. Und das war, entschuldigung, ja auch gut so, sonst hätten Daft Punk niemals die Relevanz erlangt, die sie heute haben. Und sie waren dem ganzen Musikbusiness immer um 2-3 Jahre voraus. Selbst das heute total großartige "Human After All" nahm vorweg, was Labels wie Ed Banger oder record Maker später propagieren und Schlawiner wie Skrillex perfektionieren sollten: Robot Rock. Und dass dabei auch immer unverschämte Hits bei rauskamen, die die Disco immer in die Zukunftsversion der Gegenwart übersetzte, war doch das geniale am Werk. Und wer "Alive 2007" gehört hat, der kann doch gar nicht fassen, wie homogen, wie stringent und wie wahnsinnig die Musik dieser Roboter doch ist, als hätten sie einen Masterplan.
"Random Access Memories" ist, wenn man so will, die Kehrseite von "Human After All". Beide Platten zusammengemixt ergeben "Homework" und "Discovery", so zumindest meine gleichung. Betonte "Human After All" noch eben das Mechanische, Automasierte im Schaffen Daft Punks, markiert der etwas langweilige Vermerk, nur "echte" Instrumente auf "Random Access Memories" zu verwenden, das vermeintlich "Organische" daran. Beides kam nicht sehr gut an, wobei "Random Acess Memories" doch irgendwie besser aus der Affaire gezogen wurde, denn: Hits. "Get Lucky" oder "Lose Yourself to Dance" dominierten nun wirklich alles. Oder vielmehr Pharrell Williams, der ja auch dem unsäglich sexistischen und unsäglich funky "Blurred Lines" von Robin Thicke seinen Goldadel verlieh. Wie viel Genius dabei Daft Punk zukommt, wird sich so nicht klären lassen, auch dass alle von Nile Rodgers sprechen. Dat Punk haben sich auf "Random Access Memories" mehr zurückgenommen, um eine Art Heldenmuseum ihrer Genealogie aufzustellen. Das funkelt zwar ordentlich, wirkt aber auch angestaubt und in seinem Blick zurück doch irgendwie etwas steif.
Deshalb sind Glanzstücke wie "Giorgio By Moroder" oder "Doing it Right" auch die Glanzlichter dieser auf Albumlänge doch etwas inkosistenten Platte: Sie schaffen es, Hommage und Übersetzung zugleich zu sein. Was Daft Punk hier permanent - und anscheinend bewusst - auf das Spiel gesetzt haben, ist ihr eigener Charakter. Leute wie Romanthony habend zuvor so homogen in den Roboterkosmos gepasst, auch Panda Bear oder Moroder tun es auf ihre Art, meinetwegen eben auch Nile Rodgers. Aber so Belanglosigkeiten wie "Instant Crush" mit Julian Casablancas sind kaum zu verzeihen, auch das Jethro Tull Ding auf "Motherboard" ist einigermaßen fragwürdig. Aber eines muss man "Random Access Memories" bei alldem lassen: Die Vision ist, wie immer bei Daft Punk, konsequent, die Hits sind da, die Songs auch, die Ideen und es passt, wie in guten Museen immer, alles zusammen, dass das Vergangene neu und toll für das Jetzt erzählt und erfahrbar gemacht wird. Dass dieses geradezu retromanische Album aber so dermaßen durch die Decke geht, sagt eigentlich weniger über Daft Punk als über den Zustand der Musikindustrie aus. Denn Stil haben die Roboter auf jeden Fall und hatten ihn auch schon immer. Das beweist auch der Auftritt bei den Grammys, der aber auch symptomatisch ist: Denn letztlich driftet "Get Lucky", mit Stevie Wonder aufgeführt, in dessen alten Hit "Another Star" ab. Gets old.
Aber wie das so mit Hypes ist, zumindest, wenn sie zurecht so genannt werden: Sie spalten. Die einen fahren riesig darauf ab, wenn der Coachella-Spot durch das Netz flackerte. Sie sauegn jeden Infoschnipsel auf bis hin zur stilbildenden Albumreklame mit dem grandiosen Unboxing-Clip, den sogar Sony für die vierte Playstation kopiert hat. Die anderen waren niedergeschlagen, enttäuscht und sogar stinksauer auf Daft Punk, dass sie ihre Integrität an die Rollschuhdisco abgetreten haben und anscheinend keine Ahnung aufbringen, wie die Musik der Zukunft klingt, die sie uns doch sonst immer so stilsicher präsentiert haben.
Denn man muss im Angesicht des Gesamtwerkes ehrlich sagen: Der ganz große Wurf war "Random Access Memories" nicht. Klar, gerade auf "Homework" und "Discovery" waren die Glam-Referenzen ganz vorne mit dabei, aber halt nur Referenz und nicht Programm. "Indo Silver Club" oder "Digital Love" funktionierten mehr und anders als die Bee Gees oder Chic. Und das war, entschuldigung, ja auch gut so, sonst hätten Daft Punk niemals die Relevanz erlangt, die sie heute haben. Und sie waren dem ganzen Musikbusiness immer um 2-3 Jahre voraus. Selbst das heute total großartige "Human After All" nahm vorweg, was Labels wie Ed Banger oder record Maker später propagieren und Schlawiner wie Skrillex perfektionieren sollten: Robot Rock. Und dass dabei auch immer unverschämte Hits bei rauskamen, die die Disco immer in die Zukunftsversion der Gegenwart übersetzte, war doch das geniale am Werk. Und wer "Alive 2007" gehört hat, der kann doch gar nicht fassen, wie homogen, wie stringent und wie wahnsinnig die Musik dieser Roboter doch ist, als hätten sie einen Masterplan.
"Random Access Memories" ist, wenn man so will, die Kehrseite von "Human After All". Beide Platten zusammengemixt ergeben "Homework" und "Discovery", so zumindest meine gleichung. Betonte "Human After All" noch eben das Mechanische, Automasierte im Schaffen Daft Punks, markiert der etwas langweilige Vermerk, nur "echte" Instrumente auf "Random Access Memories" zu verwenden, das vermeintlich "Organische" daran. Beides kam nicht sehr gut an, wobei "Random Acess Memories" doch irgendwie besser aus der Affaire gezogen wurde, denn: Hits. "Get Lucky" oder "Lose Yourself to Dance" dominierten nun wirklich alles. Oder vielmehr Pharrell Williams, der ja auch dem unsäglich sexistischen und unsäglich funky "Blurred Lines" von Robin Thicke seinen Goldadel verlieh. Wie viel Genius dabei Daft Punk zukommt, wird sich so nicht klären lassen, auch dass alle von Nile Rodgers sprechen. Dat Punk haben sich auf "Random Access Memories" mehr zurückgenommen, um eine Art Heldenmuseum ihrer Genealogie aufzustellen. Das funkelt zwar ordentlich, wirkt aber auch angestaubt und in seinem Blick zurück doch irgendwie etwas steif.
Deshalb sind Glanzstücke wie "Giorgio By Moroder" oder "Doing it Right" auch die Glanzlichter dieser auf Albumlänge doch etwas inkosistenten Platte: Sie schaffen es, Hommage und Übersetzung zugleich zu sein. Was Daft Punk hier permanent - und anscheinend bewusst - auf das Spiel gesetzt haben, ist ihr eigener Charakter. Leute wie Romanthony habend zuvor so homogen in den Roboterkosmos gepasst, auch Panda Bear oder Moroder tun es auf ihre Art, meinetwegen eben auch Nile Rodgers. Aber so Belanglosigkeiten wie "Instant Crush" mit Julian Casablancas sind kaum zu verzeihen, auch das Jethro Tull Ding auf "Motherboard" ist einigermaßen fragwürdig. Aber eines muss man "Random Access Memories" bei alldem lassen: Die Vision ist, wie immer bei Daft Punk, konsequent, die Hits sind da, die Songs auch, die Ideen und es passt, wie in guten Museen immer, alles zusammen, dass das Vergangene neu und toll für das Jetzt erzählt und erfahrbar gemacht wird. Dass dieses geradezu retromanische Album aber so dermaßen durch die Decke geht, sagt eigentlich weniger über Daft Punk als über den Zustand der Musikindustrie aus. Denn Stil haben die Roboter auf jeden Fall und hatten ihn auch schon immer. Das beweist auch der Auftritt bei den Grammys, der aber auch symptomatisch ist: Denn letztlich driftet "Get Lucky", mit Stevie Wonder aufgeführt, in dessen alten Hit "Another Star" ab. Gets old.
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